Tiebreak-Drama in Friedrichshafen: Die Berlin Recycling Volleys sind zum fünften Mal Deutscher Meister. Der Titelverteidiger hat das vierte Finalspiel um die Deutsche Volleyball-Meisterschaft mit 3:2 (25:23, 25:22, 23:25, 22:25, 15:11) am Bodensee gewonnen. Zwar starteten die Gastgeber nach 0:2-Satzrückstand eine grandiose Aufholjagd. Doch wie Berlin im fünften Satz das Spiel erneut übernahm, steht beispielhaft für die Nervenstärke und den Kampfgeist, die die Berliner zum Meistertitel führten.

Kapitän Scott Touzinsky war der Erste, der die mehr als 20 Kilogramm schwere Meisterschale in der Friedrichshafener ZF-Arena in die Höhe stemmen durfte. Danach wanderte die Trophäe über das gesamte Siegerpodest hinweg zu jedem Spieler und allen Verantwortlichen der Berlin Recycling Volleys. Ganz zum Schluss kam Trainer Mark Lebedew dran. Der coole Australier schrie seine Freude und Erleichterung über den zweiten Meistertitel hintereinander ungewöhnlich emotional heraus. „Ich habe heute alle sieben Stufen der Hölle durchlebt - und einige Stufen des Himmels auch”, sagte der Lehrmeister der Volleys im DVL-live.tv-Interview.

Im letzten Spiel der Saison hatten beide Teams den 3300 Zuschauern in der ZF-Arena und allen Volleyball-Fans hochdramatische 133 Minuten geboten, die alles bereit hielten, was diese gesamte Finalserie ausgemacht hatte: unglaubliche Aufholjagden, dramatische Wendungen, überschäumende Emotionen und natürlich hochklassigen Volleyball zweier Teams auf gleicher Augenhöhe. „Das Spiel war eines Finales würdig – fünf spannende Sätze mit allem, was dazugehört”, sagte Volleys-Manager Kaweh Niroomand. „Der VfB Friedrichshafen und wir haben eine tolle Werbung für Volleyball in Deutschland gemacht.”

Nachdem Berlin stark begonnen hatte und bereits mit 2:0 nach Sätzen führte, erarbeitete sich der VfB Friedrichshafen durch starke Aufschläge im dritten Satz die Oberhand. Mit 16:10 führten die „Häfler” bereits. Doch Berlin steckte nicht auf - wohl die größte Qualität der Lebedew-Truppe – und kämpfte sich wieder heran. Beim 23:22 waren die Hauptstädter nur noch zwei Pünktchen vom Deutschen Meistertitel entfernt. Doch diesmal behielt Friedrichshafen die Nerven, holte sich diesen Durchgang und glich im folgenden Satz zum 2:2 aus.

Im Tiebreak dann führten die Gastgeber zum Seitenwechsel mit 8:4. „Ich dachte in dem Moment, dass der Sieg unwahrscheinlich ist”, sagte Mark Lebedew. „Aber ich kenne diese Jungs gut genug um zu wissen, es ist alle möglich. Sie haben das immer wieder gezeigt, die gesamte Saison, in jedem Spiel, in jeder Serie.” Diesmal wendete Einwechsler Roko Sikirc das Spiel. Mit einer Aufschlagserie stellte der Kroate den 9:9 Ausgleich her. Zwei ins Aus geschlagene Angriffe von VfB-Angreifer Valentin Bratoev beendeten schließlich die Partie. Der Rest war orangefarbener Jubel und blau-weiße Tristesse.

Weil VfB-Trainer Stelian Moculescu mit gewohntem Furor über die Entscheidungen des Schiedsrichters haderte, war der Trainer der „Häfler” direkt nach dem Spiel zunächst zu keiner Stellungnahme zum Spiel in der Lage. Im zweiten Durchgang hatte der frühere Bundestrainer eine gelbe Karte bekommen. Als er einmal durchgeatmet hatte, sagte „Stelu”: „Schade, ich hätte gerne das Finale in Berlin gespielt. Doch in den entscheidenden Momenten haben wir vielleicht zu unklug und zu hektisch gespielt.”

Der nun zwei Spielzeiten hintereinander entthronte langjährige Serienmeister Friedrichshafen hatte sich nach einer schwierigen Hauptrunde zum Meisterschaftsfinale in starker Verfassung präsentiert. Vor allem das 3:1 in der Berliner Max-Schmeling-Halle am vergangenen Donnerstag glich einem Paukenschlag. Doch aufgrund der Comeback-Qualitäten, die die BR Volleys in der Finalserie immer wieder und noch ausgeprägter als der ewige Konkurrent gezeigt hatten, bleibt die Schale verdient in der Hauptstadt.

Nicht nur dort wird der Titel für weitere Volleyball-Euphorie sorgen: „Wir haben innerhalb von zehn Tagen 16.000 Zuschauer in Berlin in der Halle gehabt – das ist fast in der Welt einmalig”, sagte Kaweh Niroomand. „Das muss dem gesamten Volleyballsport helfen. Es geht nicht nur um die Berlin Recycling Volleys, es geht darum, diesen Aufwind für den gesamten Volleyball in Deutschland zu nutzen.” Insgesamt hatten die vier Spiele der Finalserie 23.480 Fans in den Hallen verfolgt – so viele Zuschauer wie noch nie.

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